Spruch des Tages
„si el rio suena, piedra lleva“
An Gerüchten ist meistens etwas dran…
Wörtlich übersetzt: wenn man den Fluss hört, bewegt er auch Steine.
Den Vormittag über hatten wir freie Zeit. Eine Abordnung fuhr zum Flughafen um weitere Koffer abzuholen – jetzt fehlten nur noch Zwei!
Gott sei Dank hatte der angekündigte Streik auf die Region Cusco keine großen Auswirkungen, sodass uns Cesar am Nachmittag die Hauptstadt des Inkareiches zeigen konnte. Der Legende nach soll das Geschwisterpaar Manco Capac & Mama Occlo vom Titicacasee kommend um 1200 die Stadt gegründet haben. Tatsächlich wurde dieser Ort schon viel früher als Siedlungsraum wegen seiner günstigen Lage (trotz der 3400 Meter Höhe) benutzt. Bis zur Ankunft der Spanier im Jahr 1533 erbauten die Inka ihren sagenhaften „Nabel der Welt“, in Form eines Pumas aus.
Zu Beginn unsere Städtetour besuchten wir die Iglesia (Kirche) de Santo Domingo.
Es ist weniger die Ordenskirche, die wir uns genauer ansehen wollten, sondern das, was erst ein schweres Erdbeben im Jahr 1950 wieder freilegte: die Überreste der Grundmauer der Coricancha, des goldenen Hofes.
Die Coricancha war der heiligste Ort der Inka und den ebenfalls dort befindlichen Sonnentempel durften nur die Adeligen barfuß, zum Zeichen der Demut mit einem Bündel auf dem Rücken und den Anweisungen des Hohepriesters folgend betreten. An dieser Stätte wurden Hochzeiten, Krönungen, Bestattungen und andere Riten von großer Bedeutung abgehalten. Die Innenräume waren mit Goldfolie bedeckt und auf großen goldenen Scheiben wurden die Sonne, Mond, Sterne und viele weitere Götter der Inka dargestellt.
Allein das feinste Mauerwerk ist faszinierend: Die riesigen Mauersteine aus Trapezen, Quaderen und Kreise sind millimetergenau gemeißelt, sodass nicht einmal ein Fingernagel dazwischen passt und deshalb auch absolut erdbebensicher.
Ebenfalls hier befand sich der heilige Garten, in welchem goldene Figuren von Menschen, Tieren und Pflanzen aufgestellt waren. Bei der Verwendung von so viel Gold muss man wissen, dass dies nicht Zurschaustellung von Reichtum war, sondern ausschließlich religiöse Gründe hatte.
Man kann sich leicht vorstellen, dass beim Anblick dieser unglaublichen Menge des Edelmetalls bei den Spaniern alle „Sicherungen“ durchbrannten und sie in einer Art „Goldrausch“ die ganze Stadt schleiften und plünderten. Sie hatten ihr „El Dorado“ gefunden. Es wurden – wie überall im Land – die Kunstschätze aus Gold nicht nur gestohlen sondern auch eingeschmolzen, um das Edelmetall besser transportieren zu können. Damit war die unermesslich wertvolle Kunst der Inka für immer ausgelöscht.
Weiter ging es zum Ruinenkomplex Sacsaywaman.
Unter dem 10. Inka Tupac Yupanki wurde im 15. Jahrhundert mit dem Bau des gigantischen Bauwerks begonnen. Angeblich haben zwischen 20.000 und 40.000 Menschen 70 Jahre lang an seiner Fertigstellung gearbeitet. Wahrscheinlich hatte der Komplex zunächst eine eher religiöse denn eine weltliche Bedeutung. Der Haupttempel sollte die Zähne des imaginären Pumas, dessen Körper die Stadt Cusco bildete, darstellen.
Tonnenschwere, gigantische Steinblöcke, von denen man bis heute nicht weiß, wie sie eigentlich hierher transportiert wurden, bilden in Sacsaywaman drei monumentale Ringmauern.
Den Spaniern diente Sacsayhuaman nach deren Sieg über die Inka nur noch als Steinbruch. Doch sie konnten nur die kleineren Steine benutzen, die großen waren ihnen viel zu schwer für einen Transport.
Heute wird in den Ruinen von Sacsayhuaman jedes Jahr am 24. Juni das Init Raymi gefeiert. Das Fest sollte eigentlich am 21. Juni, der Wintersonnenwende stattfinden, doch die Spanier versuchten mit dem Tag von Johannes dem Täufer einen Ersatzfeiertag einzuführen. Wurde das Datum von der indigenen Bevölkerung auch angenommen, so ist es doch der Sonnengott Inti, der nun vom 21. bis zum 24. gefeiert wird und kein katholischer Heiliger.
Puka Pukara war unser nächster Halt. Zu sehen sind immer noch die Grundmauern der ehemaligen Festung sowie von Vorratskammern und Speichern.
Doch nicht nur als Festung soll Puka Pukara gedient haben, sondern auch als Jagdschloss und als Raststation für müde Stafettenläufer. Den Inkapfad, den die Läufer benutzt haben, konnte man immer noch als dünne Linie auf den gegenüberliegenden Hängen erkennen.
Was Puka Pukara heute vor allem bietet, ist eine grandiose Aussicht, in deren Genuss auch wir kamen. Sonne und Wolken wechseln einander in rascher Folge ab und warfen ein Netz aus bizarren Schatten über das Andenpanorama.
Etwas weiter unterhalb der roten Festung gibt es eine weitere Sehenswürdigkeit, zu der wir in wenigen Minuten mit dem Bus gelangten.
Q’enqo ist nicht für seine Schönheit bekannt, dafür ist es eine umso interessantere Stätte. Wie bei den meisten Ruinen oder Ausgrabungen der Inkazeit ist man auch bei Q’enqo nicht ganz sicher, was es einmal gewesen ist.
Q’enqo bedeutet auf Quechua „das Gewundene” und weist wohl auf den sich windenden Pfad hin, der durch Steinruinen und Höhlen führt. Es ist anzunehmen, dass es sich um einen Ort handelt, der mit dem Totenkult in Zusammenhang steht und in den Nischen und auf den Sitzen, welche in den Höhlen ausgearbeitet sind, zu den Riten Mumien aufgestellt wurden.
Am Eingang der Höhlen findet sich ein großer, behauener Steinblock, der einem Puma ähnelt. Hier sollen sich die Verstorbenen von der Oberwelt abgemeldet haben, bevor sie ins Reich der Toten eingetreten sind. Auch einige Kanäle und Rinnen gibt es, in welchen wahrscheinlich Blut oder andere Flüssigkeiten geopfert und in das Innere der Höhlen geleitet wurden.
Was auch immer Q’enqo einmal gewesen sein mag, es überkommt einen jedenfalls ein leicht eigenartiges Gefühl, während man durch die Höhlen geht und sich entlang des gewundenen Pfades bewegt.
Als nächstes besuchten wir die im Jahr 1946 erbaute, haushohe Christusstatue. Von dort blickten wir auf das noch immer homogene Stadtbild Cuscos aus rotbraunen Dächern und Kirchtürmen. Wir genossen den tollen Ausblick in vollen Zügen.
Zurück im Zentrum von Cusco angekommen zeigte uns Cesar zum Abschluss der heutigen Tour den Plaza de Armas und die Kathedrale.
Der Plaza de Armas zählt zu einem der schönsten seiner Art und wirklich, er wird seinem Ruf gerecht. Ehemals Huacaypata, Ort der Freude genannt, war und ist dies das Herz der Stadt.
Früher von goldenen Tempeln gesäumt, mit feinem weißen Sand bedeckt und mit einer schweren Goldkette begrenzt, strahlt der Platz auch heute noch viel Erhabenheit aus.
In der Kathedrale selbst, deren Bau über 100 Jahre in Anspruch genommen hat und die 1654 fertig gestellt wurde, befindet sich eine Unmenge an Gemälden. Mehr als 400 Bilder der sogenannten Escuela Cusquena schmücken das Gotteshaus, darunter auch das berühmte Werk, auf welchem Jesus zum letzten Abendmahl ein gegrilltes Meerschweinchen verzehrt.
Obwohl die Kirchgänger allesamt katholisch sind, ist doch vieles anders als bei uns: So entdeckten wir unter den Sitzbänken z.B. Cocablätter mit denen die Einheimischen „Pachamama“ (Mutter Erde) gütlich stimmen wollen und in einem Seitenaltar wird das Wohlwollen des Christuskinds mit reichlich Spielzeug erbeten.
Im Restaurant „de El Meson de Don Thomas“ im Zentrum von Cusco erwartete uns nicht nur ein köstliches Abendessen (wobei das gegrillte Meerschweinchen nicht das kulinarische Highlight war), sondern auch eine sehr redselige Deutsch-Peruanerin. Sie übernahm alsbald das Kommando über den Kellner am Tisch und unterhielt uns ausufernd.
Der Tag klang an der Hausbar bei einem Pisco Sour aus – mittlerweile eine liebgewonnene Gewohnheit.